31.03.03
ein zimmer, das wohnt (UR: vorgänge / proceedings)
Schichtwechsel. Sah ich zuletzt Vergangenheit, sehe ich jetzt Zukunft? Wenn wir einmal gewesen sein werden, dann so:
Ein Zimmer. Eine Topflanze. Ein Sofa. Vor dem Sofa ein Tisch. Auf dem Tisch eine Topfpflanze. Die Blüte der Pflanze weiß. Weiß auch das Sofa und der Tisch. Dergleichen Verbildlichungen sind aus der Kunst- und Kinogeschichte bekannt, sie stellen das Jenseits dar. Genauer: das Vorzimmer zum Jenseits, gemeinhin Fegefeuer oder Vorhölle genannt. Ein Raum ganz in weiß also, ein Raum ohne Finsternis. Ein Ort, an dem es nicht mehr Nacht wird. Die Menschen an solchen Orten haben keine Lider, sie schlafen nie, sie erinnern sich an alles, sie können die Augen nicht mehr und vor nichts verschließen.
Nur in diesem Zimmer sind keine Menschen. Es ist vielleicht unser Kontrollturmzimmer – später. Wir sind auf dem Sofa gesessen, haben einen Eindruck hinterlassen. Dann sind wir gegangen. Die Kameras laufen weiter, in einem einzigen Guckfenster laufen und laufen sie; vielleicht davon.
Ich nehme an, wir haben das Zimmer durch die Balkontür verlassen. Wir sind in den Garten hinaus gegangen, und dort, unter einem Birnbaum, werden wir sitzen. Wir werden im Schatten des Baumes sitzen und uns Geschichten erzählen, Geschichten über das, was wir gesehen haben. Und wir werden die Geschichten ein zweites, ein drittes, viertes mal erzählen. Ich werde Mujis Stories erfinden und Mikkel meine. Irgendwann werden wir uns wiederholen müssen, wieder und wieder, weil wir nichts Neues mehr sehen und nichts Neues mehr erleben. Und bei jeder Wiederholung werden sich die Geschichten ein klein wenig verändern, ein klein wenig ähnlicher, bis es nur noch eine einzige Geschichte zu erzählen gibt, eine einzige Episode, einen einzigen Satz, ein einzelnes Wort, ein freundliches auf- und abschwellendes Murmeln ...
Wenn wir einmal gewesen sein werden, dann hier.

Quelle: Living room. Nicht immer online!
posted by savadee @ 00:30:19
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