06.05.03
Gefährliche Liebschaften (UR: personen / persons)
Das Riff lauert im Hintergrund. Ein versteinerter Drache mit offenem Maul, von grünen Algen verschlungen. Von oben von unten, von vorne und hinten, von überallher schwänzelt allerlei buntes Meeresgetier. Blöde dreinblickende Fische küssen das Glas, quadratische Blasen an schlechter Kompression hinter sich herziehend. 218.000 Gallonen Welt, kubisch.
Flügelschlagend träge ein Rochen. Gleitet als Schatten über den weissen Sand, einem Stealth-Bomber gleich, für Radar unsichtbar. Ein zweiter, doch dieser schwebt empor, und angeblich sähe man auch “gigantische Meeresschildkröten, Aale und andere Fische - you can come nose-to-nose with them”. Aber ich beachte sie nicht, Rochen, Schildkröten, Aale und was sonst noch da schwimmen mag. Buntes Hintergrundpattern sind sie, denn ich warte.
Mein Herz klopft bis zum Hals, meine Hände sind feucht. Könntet Ihr mich sehen, bemerktet Ihr den gewissen Blick in meinen Augen, meine nervös zwischen die Zähne geklemmte Zunge. Ich warte noch immer, ich warte auf IHN. Gestern sah ich ihn zum ersten Mal und ich wusste, ich war verliebt.
Langsam, ganz langsam schiebt sich ein mächtiger Körper ins Bild, von links wie immer. Ach, wie ist er schön! Stromlinienförmig, die gezackte Heckflosse hoch aufgerichtet gleitet er ruhig dahin, kaum eine Bewegung seiner mächtigen Schwanzflosse sichtbar. Ebenmässiges Anthrazit, bäuchlings zartes Weiss. Er wendet ohne Hast, treibt zu mir her, er sieht mich an, das Maul leicht geöffnet wie zum finalen Kuss.
Nose-to-nose. Die meine klebt am Bildschirm. Kannst du mich riechen? In seiner Nase trägt der Hai einen Temperaturfühler, ich weiss es, der fähig ist, Veränderung eines Hundertstel Grades und weniger zu registrieren. Spürst du mich?
Sein Blick ruht auf mir, doch er driftet aus dem Bild, langsam wie immer, anthrazitfarbene Pixel hinter sich malend. Wird er wiederkommen? In seiner Nase trägt der Hai einen Temperaturfühler, der fähig ist, Veränderung eines Hundertstel Grades und weniger zu registrieren. Zwischen meinen Lippen trage ich ein Bündel von 8000 Nervenfasern, versammelt auf einer Länge von 1,6 Millimeter, mehr als irgendwo sonst am menschlichen Körper. Wir wären kompatibel auf sensationellem sensorischem Niveau.
Er kommt wieder, zieht seine Runde, sieht mich an. Dies fürs Log. Er tut dies in regelmässigen Abständen, von ungefähr 8:30 a.m. bis 8:30 p.m CST, laut Zusatzinformation. Aber ich weiss, dass er auch sonst nicht ruht. Dass er endlos seine Kreise zieht. Dass sein Blick endlos ist.
Er sieht mich an. Für das Protokoll: Ich weiss, dass er mich nicht ansieht. “We’re just two lost souls swimming in a fish bowl, year after year.” Ich werde nie seine Beute sein. Aber ich werde ihn umkreisen, immerzu anblickend aus meiner Welt, die 128.000 Gallonen gross ist oder auch weniger. Im Hintergrund lauert das grosse Barriere-Riff. Ich küsse das Glas, bin ein blöd dreinblickender Fisch. Denn, Freunde: ich bin verliebt.
Quelle: Shark Cam. Best viewed: Wenn ER da ist...
posted by marion @ 00:23:38
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